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Drei Frauen, drei Schicksale – ein gemeinsames Ziel

Die Frauen, die im HORIZONT-Haus in München leben, haben oft bittere Schicksalsschläge hinter sich. Zu Ostern überraschte die Deutsche Fernsehlotterie die Mütter und ihre Kinder mit Kuchen – und erfuhr beim Zusammensein mehr über die Einrichtung und die Geschichten der kleinen Familien.

Wie zuckrig-glänzende Trophäen stehen drei Kuchen auf dem Tisch im Gemeinschaftsraum. Der Tisch ist hübsch gedeckt, mit einem Strauß frischer Tulpen in der Mitte und sogar die Servietten auf den Tellern sind gefaltet – die Mütter und Kinder haben sich bei der Dekoration ihrer kleinen Oster-Feier viel Mühe gegeben.

Drei Kuchen auf dem Tisch

Doch an den Kuchen, den wir von unserem Besuch beim Münchener Social-Startup Kuchentratsch (siehe auch: Hier bekommen alle ein Stück vom Kuchen) mitgebracht haben, traut sich zunächst keiner ran. „Er sieht so hübsch aus“, sagt ein junges Mädchen und mustert die süßen Mitbringsel mit großen, braunen Augen.

Angelina und ihre Tochter freuen sich auf den Kuchen

Die Kleine lebt gemeinsam mit ihrer Mutter Angelina im HORIZONT-Haus. „Ich war zehn Jahre mit meinem Partner zusammen“, erzählt diese. „Nach der Trennung musste ich aus der gemeinsamen Wohnung raus.“ Das war vorletztes Jahr im Dezember. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe stößt die junge Mutter damals auf einen vermeintlich netten Makler, der ihr eine Wohnung zusagt – doch dann, kurz vor dem Einzug, entpuppt sich dies als leere Versprechung. „Plötzlich standen wir auf der Straße“, erinnert sie sich, noch immer fassungslos. „Zunächst sind meine Tochter und ich bei meinem Bruder untergekommen. Er hat sechs Kinder – wir lebten zu zehnt in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Das ging auf Dauer einfach nicht…“

Ein Ort zum Ankommen – und Weitermachen

Nun sind die beiden hier, im HORIZONT-Haus. Dieses bietet obdachlosen Frauen und ihren Kindern ein sicheres Zuhause auf Zeit. „Mein Ziel ist es, eine eigene Wohnung zu finden“, sagt Angelina. „Hier werde ich darin unterstützt, die Sozialpädagogen sind immer für mich da. Das ist eine große Erleichterung.“ Dass Bewohnerinnen so offen über ihr Schicksal sprechen wie Angelina, ist nicht selbstverständlich. Denn das HORIZONT-Haus ist eine geschützte Einrichtung – das heißt, für einige Frauen und ihre Kinder, die hier leben, bestünde akute Gefahr, würde ihr Aufenthaltsort bekannt.

Unser Ziel ist es, die Frauen und ihre Kinder dabei zu unterstützen, akute Krisen zu bewältigen und langfristig die gesamte Lebenssituation zu verbessern.
Iris Fellner, HORIZONT e.V.

„Die Frauen kommen unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zu uns“,  erklärt Iris Fellner von HORIZONT e.V. „Sie erhalten hier eine engmaschige Betreuung: Unsere Sozialpädagogen besprechen mit jeder einzelnen Familie, welche spezifischen Therapieformen in ihrem Fall infrage kommen. Zudem beraten und begleiten sie bei Behördengängen oder beim Arztbesuch sowie allen bürokratischen Angelegenheiten.“

26 Wohnungen gibt es im HORIZONT-Haus, sie alle sind voll ausgestattet – viele der Frauen kommen ohne eigenes Hab und Gut. Darüber hinaus gibt es Beratungs-, Therapie- und Gemeinschaftsräume, eine Kinderbetreuung und einen Bildungsbereich, in dem nicht nur ehrenamtliche Hausaufgabenhilfe angeboten wird, sondern auch Deutschunterricht und die Vorbereitung auf Integrationskurse. „Wir haben auch ein tolles Projekt für Schulkinder“, ergänzt Iris Fellner. Die Schüler dürfen in unterschiedliche Berufe reinschnuppern, zuletzt waren sie in einer Bäckerei. „Außerdem haben wir eine Kindergruppe – mal mit, mal ohne Mütter – und ein Programm am frühen Abend für die Jugendlichen.“

Der Kuchen ist angeschnitten und steht auf dem Tisch

Den Raum, in dem wir heute sitzen und Kuchen essen – inzwischen sind die Platten fast leer geräubert – nutzen die Mütter auch für Yoga-Stunden und Frauen-Cafés, zu denen oft externe Experten wie Gynäkologen oder Heiltherapeuten als Berater eingeladen werden.

Positiv in die Zukunft blicken

„Unser Ziel ist es, die Frauen und ihre Kinder dabei zu unterstützen, akute Krisen zu bewältigen und langfristig die gesamte Lebenssituation zu verbessern“, betont Iris Fellner. „Das HORIZONT-Haus ist nur eine vorübergehende Bleibe, bis sich die Frauen wieder gefangen haben und in eine eigene Wohnung ziehen können.“ Doch bezahlbaren Wohnraum in München zu finden ist schwer. „Deshalb haben wir ein zweites Haus gebaut, in dem es 48 Mietwohnungen gibt, außerdem einen Kindergarten und ebenfalls einen Bildungsbereich“, so Fellner. Das HORIZONT-Haus II wird im Juni 2018 eröffnet. Eine der ersten Bewohnerinnen wird Kornelia sein.

Kornelia lebt im HORIZONT-Haus in München

Die 50-Jährige zieht bereits im Mai mit ihrer 14-Jährigen Tochter ein. „Ich kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten, mein Lebensgefährte hat das Geld verdient – bis er im Sommer letzten Jahres tödlich verunglückte.“ Kornelia schweigt, der ganze Raum ist still geworden. Dann holt sie tief Luft und spricht weiter: „Ich habe das Amt um Hilfe gebeten, und es hat auch alles geklappt – bis ich meiner Cousine, die von ihrem Mann geschlagen wurde, geholfen habe, eine Wohnung zu finden.“ Auf den Sachbearbeiter vom Amt, der auch Kornelias Sachbearbeiter war, sei kein Verlass gewesen, sagt sie. „Fast hätte meine Cousine die Wohnung wegen ihm verloren, also habe ich mich für sie eingesetzt. Das hat der Herr mir übel genommen…“ Er habe aufgehört, Kornelias Miete zu überweisen. Dann kam der Räumungsbescheid. „Der Sacharbeiter wurde zwar gefeuert, doch mir hat das nichts mehr genützt“, sagt die 50-Jährige. „Meine Tochter und ich saßen auf der Straße.“

Wir haben hier endlich die Möglichkeit, nach der schweren Zeit, die wir durchmachen mussten, zur Ruhe zu kommen.
Frau Rahal, lebt mit ihren beiden Töchtern im HORIZONT-Haus

Auch Frau Rahal, die neben Kornelia Platz genommen hat, kennt das Gefühl, plötzlich ohne Wohnung dazustehen. Nach der Trennung von ihrem Mann kamen sie und ihre zwei Töchter – eine davon ist Autistin – 2016 zunächst in einer anderen Einrichtung unter. „Dort hatten wir ein winziges Zimmer und kaum Betreuung“, erzählt sie. „Hier leben wir in einer Wohnung und haben endlich die Möglichkeit, nach der schweren Zeit, die wir durchmachen mussten, zur Ruhe zu kommen.“ Ihrer autistischen Tochter geht es seitdem viel besser. „Früher hatte sie immer Angst. Doch hier ist sie ist aufgeblüht! Sie lacht und teilt und hat endlich Freunde gefunden.“

Frau Rahal spricht über ihr Schicksal

Trotz der bitteren und auch traurigen Geschichten, die wir heute gehört haben, wird zwischen Kaffee und Kuchen auch viel gelacht. Denn so unterschiedlich die Frauen hier auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie alle wollen ihre Schicksale endlich hinter sich lassen und einen Neustart wagen. Die positive Energie, die sie dafür bisher im HORIZONT-Haus sammeln konnten, ist deutlich zu spüren.

Über das HORIZONT-Haus

  • HORIZONT e.V. ist eine Initiative, die obdachlose Kinder und ihre Mütter in München aus ihrem Schattendasein herausholt und ihnen neue Lebensperspektiven gibt. Die Betroffenen erhalten im HORIZONT-Haus ein sicheres Zuhause auf Zeit und ganzheitliche Betreuung unter einem Dach. In den meisten Bereichen werden die hauptamtlichen Mitarbeiter von freiwillig Engagierten unterstützt.
  • Durchschnittlich 70 Personen beherbergt das Haus, davon 45 Kinder aller Altersstufen. Im Schnitt bleibt eine Familie 18 Monate, ehe sie wieder in der Gesellschaft Fuß fassen kann.
  • HORIZONT e.V. war 2017 für den Deutschen Engagementpreis nominiert. Die Deutsche Fernsehlotterie unterstützt den Dachpreis für ehrenamtliches Engagement als Partner.
  • Dass Kinder und ihre Mütter, die durch unglückliche Umstände oder Schicksalsschläge aus dem gewohnten Leben gerissen werden, neue Perspektiven erhalten, ist auch der Deutschen Fernsehlotterie ein großes Anliegen. Wir möchten den vielen Engagierten von HORIZONT e.V. daher herzlich für ihren Einsatz danken! Noch konnte die Initiative keinen Förderantrag bei uns stellen, die Beratung über die Stiftung Deutsches Hilfswerk läuft jedoch.
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