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Do it yourself – aber nicht alleine

...wie „altes“ Handwerk junge Menschen zusammenbringt: Beim Projekt „Werkstatt – Kreativ – Integrativ – Haiterbach“ erschaffen Kinder und Jugendliche durch unterschiedlichste Handwerksarbeiten ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Dabei wird nicht nur das eigene Selbstbewusstsein gefördert, sondern auch der Nachhaltigkeitsgedanke und die Begegnung zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus den verschiedensten Hintergründen.

Rot oder weiß? Mit Punkten? Mickey Mouse oder Krone als Verzierung? Ein paar Kinder schließen die Augen, um sich den fertigen Turnbeutel besser vorstellen zu können. Niemand scheint mehr die Hitze zu spüren, die an diesem Sommermittag durch die großen Fenster ins Mehrgenerationenhaus von Haiterbach wabert. Die Konzentration ist auf die Stoffe, Glitzersteine, Kordeln und Knöpfe gerichtet, die wie in einem Süßigkeitenladen in kleinen Kartons auf den Tischen funkeln.

Zwei Mädchen stehen über einem Tisch mit Näh- und Bastelmaterial und wählen ihren Stoff aus.
Ein Arm in Nahaufnahme, daran befestigt: Ein kleines rundes Kissen, in dem Stecknadeln stecken.
Ein Tisch voller Stoffreste: In Rot, Weiß und Schwarz.

Das Bastelmaterial soll heute von den zehn jungen Teilnehmerinnen zerschnitten, verziert und aufgeknüpft werden, um im letzten Schritt zu einem Turnbeutel zusammengenäht über den Schultern zu hängen. Doch bevor es an die Tische geht, versammeln sich alle um Projektleiterin Stefanie Hälker und zwei ehrenamtliche Helferinnen, die ein kleines Nadelkissen wie einen bunten Igel am Handgelenk tragen.

Ob aus sozial schwache Familien, in schwierigen wirtschaftlichen Situationen, mit Migrations- oder Fluchthintergrund, das Wichtigste ist, dass sie bei unseren Veranstaltungen etwas zusammen schaffen.
Gerline Unger, Leiterin des Mehrgenerationenhauses in Haiterbach

„Wer von euch hat schon mal genäht?“ fragt Häkler in die Runde. Aias Arm schnellt in die Höhe. „Aber nicht mit einer Nähmaschine“, sagt sie. „Ich auch“, nickt Lena neben ihr. Der Rest schüttelt den Kopf. „Na dann, geht’s los“, sagt Hälker, „aber erst suchen sich alle ihre Stoffe aus!“

Ein Raum im Mehrgenerationenhaus Haiterbach: Er ist lichtdurchflutet, Säulen aus Holz halten die Decke. Die Kinder sitzten an Tischen vor Stoffresten.

Seit Mai läuft das Programm „KiHa – kreativ, integrativ Haiterbach“, das Kinder aus verschiedensten sozialen Hintergründen außerhalb der Schulzeit kreativ fördern und Spaß bringen soll. „Ob aus sozial schwache Familien, in schwierigen wirtschaftlichen Situationen, mit Migrations- oder Fluchthintergrund, das Wichtigste ist, dass sie bei unseren Veranstaltungen etwas zusammen schaffen. Dass sich keiner abkapselt“ sagt Gerlinde Unger, Leiterin des Mehrgenerationenhauses und als Sozialberaterin in Haiterbach aktiv.

Eine ehrenamtliche Helferin unterstützt zwei Mädchen dabei, wie sie ihre Stoffe richtig aufeinanderstecken.
Ein Mädchen sitzt am Tisch und legt ihre Stoffreste so zusammen, dass sie ein Rechteck bilden.

Zehn Mädchen sind heute zum Sommerferienprogramm von „KiHa – kreativ, integrativ Haiterbach“ gekommen. „Die Jungs sind dann Morgen bestimmt wieder im Freiluftmuseum dabei“ gluckst Aia. Ihre Mutter hat sie zusammen mit ihrer Schwester Nada, 8, und Nour, 3, zum Mehrgenerationenhaus Haiterbach gebracht. Die 10-jährige  kam vor drei Jahren mit ihrer Familie aus Aleppo nach Deutschland. Nach den Sommerferien kommt sie in die dritte Klasse der Haiterbacher Grundschule. Es ist ihre erste Veranstaltung in diesem Ferienprogramm. Aia steht als erste an den Stoffen. Sie streicht sich die Haare aus der Stirn, als würde ihr das mehr Durchblick bei der Entscheidung geben. „Mickey oder…“, sie schwankt noch eine Weile über der Krone, „ne ich bleib dabei!“ Hinter ihr klatscht Yllza aufgeregt in die Hände: „Gute Entscheidung!“

Ein Turnbeutel liegt im "Rohschnitt" auf dem Tisch. Eine schwarze Krone ist drauf. Er muss noch zusammengenäht werden.

„Was nimmst du?“ fragt Yllza ihre Freundin Lena. Diese greift sich eine Krone. Und fünf Glitzersteine. „Das mach ich auch!“ sagt Yllza.

Nachdem sich jeder seine Stoffe ausgesucht hat, teilen sich die Teilnehmerinnen rund um die ratternden Nähmaschinen auf. Und jeder darf erst einmal auf einem Papier mit der Nähmaschine üben: Schlangenlinien, Zick-Zack und lange Streifen, die wie kleine Autobahnen aussehen.

Aia sitzt an der Nähmaschine, lächelt und näht Stoffreste zu einem Turnbeutel zusammen.

Aia ist auch hier als erste dran und rutscht ganz vor auf die Stuhlkante, damit sie mit dem Fuß auf das Pedal kommt. „Und in die Zielgerade“, sagt Christina, die ehrenamtliche Helferin und klatscht in die Hände. „Das erkenne ich sofort, ein Profi!“ Auch das umstehende Publikum ist ganz begeistert. Doch sofort ist wieder Konzentration angesagt.

Zungen hängen konzentriert an den Lippen, Finger verschränken sich im Rücken, während sie zusehen wie Aia mit ruhigen Händen das Papier unter der Nadel bewegt. Umso schneller die Zick-Zack Streifen unter der Nadel hinwegfliegen, drückt Aia auch das Pedal durch. „Rattatta, Rattata“, macht es zum Schluss und die Mädchen klatschen, als hätte Aia gerade einen Flamengo mit ihren Händen vollführt. Jetzt ist Mia dran.

Ein Mädchen näht an der Nähmaschine, ein anderes schaut ihm dabei zu.
Ein blondes Mädchen sitzt vor der Nähmaschine, schaut sich nach den anderen Kindern um.
Nahaufnahme: Das Mädchen näht nun Stoffe zusammen, der Blick der Kamera geht über ihre Schulter.

Gemeinsam etwas schaffen, Selbstvertrauen stärken

Haiterbach ist eine Kleinstadt im Schwarzwald. In dem renovierten Fachwerkhaus mit rotem Dach und grauen Holzbalken, hinter dem sich die Wipfel des Schwarzwaldes in die Luft schrauben, siegt die Konzentration über die Mittagsmüdigkeit der kleinen Stadt. Und genau das ist es auch, was das Projekt anregen will. „Die Kinder sollen Selbstvertrauen entwickeln, selbst etwas zu erschaffen“ sagt Gerlinde Unger. Und auch lernen, nachhaltig mit verschiedenen Materialien, Werkzeug und Alltagsgegenständen umzugehen. So kam auch die Idee mit den Turnbeuteln, denn aus alten Stoffen lässt sich immer etwas basteln.

Eine Schleife aus Stoff wird auf einem Turnbeutel befestigt.
Eine Helferin unterstützt ein junges Mädchen an der Nähmaschine.

Morgen geht es ins Freilichtmuseum: Butter selbst machen, Heu dreschen und einfach mal in der Natur sein. Und am Freitag stehen schon die Gefriertruhen und Kochlöffel bereit, damit eine Gruppe Eis selbst machen kann. Im Seniorenheim. Ziel des Programms ist es auch, dass alle Generationen der Gemeinde zusammen Spaß haben und gemeinsam den Tag verbringen. „Ohne, dass es überhaupt auffällt“, sagt Unger, „denn zu einer Gemeinschaft gehören wir schließlich alle“. Sie läuft einmal durch den lichtdurchfluteten Raum. Unter den Tischen wippen die Sommersandalen zum Takt der Nähmaschinen. Die meisten haben jetzt schon ihren Beutel zusammengenäht. Fehlt nur noch die Verzierung.

Ein Schnittmuster für den Turnbeutel liegt auf dem Tisch, darauf ein Bild von einem Waschbären und daneben der Spruch: I love the wild life!

„Yllza kam am Ende der ersten Klasse zu uns“ sagt Lena. „Ich bin erst seit drei Jahren hier“ sagt Yllza. Sie fädelt einen Glitzerstein auf eine Nadel und lässt ihn wie eine Gondel auf einem Riesenrad den Faden hinuntergleiten. „Seitdem sind wir Klassenkameradinnen“ sagt Yllza. Genau wie Aia mit ihrer Familie, kam auch Yllza vor drei Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland. „Es fühlt sich schon viel länger an“ sagt Yllza. „Finde ich auch“ sagt Lena. Sie beugt sich prüfend über ihre frisch aufgenähten Knöpfe auf dem Turnbeutel. „Wie Sommersprossen im Gesicht schauen die Punkte auf deiner Tasche aus“ sagt Yllza. Dann halten die beiden ihre Beutel gegen das Licht, das durch die offene Balkontür scheint.

Die Idee für das Projekt entstand in einer Sitzung der Haiterbacher Arbeitsgruppe „Arbeit und Beruf“, in der sich Institutionen und Ehrenamtliche treffen, um neue Projekte für Kinder und Jugendliche ins Leben zu rufen. Sprachkurse für Kinder mit Migrationshintergrund, Fahrradworkshops, Holzwerkstatt, Sport und Spaß und dazu gehört natürlich auch ein Sommerferienprogramm.

Ein Mädchen hält einen fertigen Turnbeutel hoch.

Aia hat als erste ihren Turnbeutel fertig genäht. Jetzt nur noch die Kordel rein. Ihre Finger gleiten ehrfürchtig über die Ränder, an denen die Mickey Mouse festgenäht ist. „Kann ich noch einen machen?“ fragt sie die Ehrenamtliche Christina, die sich jetzt über die letzten Turnbeutel an der Maschine beugt. „Eigentlich darf sich jeder nur einen Turnbeutel aussuchen, aber wenn noch Zeit bleibt…“, Christina schaut auf die Uhr, „den von deiner kleinen Schwester Nour müssen wir noch fertig machen“. Sie zwinkert.

Während Aia noch rasch ein paar Glitzersteine für den Turnbeutel ihrer kleinen Schwester aussucht, schmieden Yllza und Lena auf der Couch sitzend schon neue Pläne: Beim gemeinsamen Eis machen am Freitag, da wollen sie auf jeden Fall auch wieder dabei sein.

Zwei Mädchen zeigen ihre fertigen Turnbeutel.
Zwei andere Mädchen zeigen ihren Turnbeutel.

Über das Mehrgenerationenhaus Haiterbach

  • Dreh- und Angelpunkt des Mehrgenerationenhauses Haiterbach  ist eine ehemalige Scheune in der Nähe der Ortsmitte: Hier erhalten Interessierte Freizeit-, Beratungs- und Bildungsangebote. Aber auch Veranstaltungen von Flohmärkten werden hier organisiert, sowie die Vermittlung von haushaltsnahen Dienstleistungen.
  • Das Mehrgenerationenhaus unter der Trägerschaft des Diakonieverbandes Nördlicher Schwarzwald bietet eine Plattform, die Menschen jeden Alters und jeder Herkunft ergmöglicht, sich mit anderen auszutauschen, sich Unterstützung zu holen und sich umgekehrt mit den eigenen Fähigkeiten für andere einzusetzen.
  • Der Deutschen Fernsehlotterie liegt es am Herzen, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit den verschiedensten Hintergründen zusammenkommen, in Gemeinschaft Spaß haben, eigene Potenziale entdecken und sich gegenseitig unterstützen können. Wir freuen uns daher sehr, dass wir das Angebot „Kreativ – Integrativ – Haiterbach“ mit rund 163.000 Euro fördern konnten!
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