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"Die Seele ist zutiefst hungrig"

Erwachsenen ihre Probleme anzuvertrauen, fällt vielen Kindern und Jugendlichen schwer. Doch wer sich nicht mitteilt, kann auch keine Hilfe erhalten. Deshalb bietet die Psychologische Beratungsstelle Filder zusätzlich eine anonyme Onlineberatung an. Immer häufiger melden sich hier auch junge Menschen mit Essstörungen.

Für Svenja (Name von der Redaktion geändert) geht es um Leben und Tod. Die 17-Jährige ist unglücklich, möchte „niemanden mit ihrer Existenz belasten“ und hungert sich deshalb weg, bis sie fast nicht mehr da ist. Dann schreibt sie sich ihren Kummer von der Seele, klickt auf „senden“ – und alles wird anders.

Mädchen mit Computer sitzt auf dem Bett.

(Symbolbild)

Svenja hat sich an die Onlineberatung der Psychologischen Beratungsstelle Filder (kurz: Onbera) gewendet. Zunächst anonym, mit kleineren Problemen. Die großen kamen erst später zum Vorschein – im Austausch mit Karl König. Der 60-jährige Familienvater arbeitet seit 20 Jahren als psychologischer Berater, seit 2009 auch im Online-Bereich. Im Interview erzählt er, mit welchen Fragen sich Kinder und Jugendliche an ihn wenden, wie man Probleme zwischen den Zeilen herausliest und wie Svenjas Geschichte endete.

Herr König, was sind aus Ihrer Erfahrung die Themen, die Jugendliche belasten?

Das ist sehr vielfältig. Manche suchen Rat nach dem Tod des Opas. Oder haben das Gefühl, dass die Geschwister bevorzugt werden. Oft ist es auch der Streit mit Eltern oder Freunden oder Mobbingerfahrung in der Schule. Aber genauso sind Gewalt, Missbrauchserfahrungen, Depressionen, Essstörungen, Selbstzweifel und Suizidgedanken Themen, mit denen sich Jugendliche an uns wenden.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass besonders bei Mädchen und jungen Frauen häufig Essstörungen im Hintergrund einer Online-Beratung stehen.
Karl König, psychologischer (Online-)Berater

Was ist der nächste Schritt, nachdem Sie eine Nachricht erhalten haben?

Es ist oft das erste Mal, dass sich die Jugendlichen jemandem mitteilen. Daher ist es wichtig, zunächst den Kontakt aufzubauen, zu fragen: Was bedrückt dich? Und sich so ein Bild zu verschaffen. Es geht darum, den Jugendlichen zuzuhören. So entsteht ein Vertrauensverhältnis und sie trauen sich, die Dinge zu erzählen, die sie wirklich belasten. Manche möchten nur ein-, zweimal Kontakt und melden sich dann nicht mehr. Andere schreiben über eine längere Zeit.

Wie fühlt sich das an, wenn sich Jugendliche nach der ersten Mail nicht mehr melden – und offen bleibt, ob Sie helfen konnten? Gerade bei so brisanten Themen wie Missbrauchserfahrung oder Suizidgedanken?

In der Regel können wir da abschalten, das haben wir als Profis gelernt. Aber klar, wenn sich Jugendliche  melden, die sagen, sie wollen nicht mehr leben und man dann nichts mehr von ihnen hört – das ist schon ein ungutes Gefühl. Da wir online aber anonym beraten, haben wir keinerlei Möglichkeiten, anderweitig Kontakt aufzunehmen. Andererseits wissen wir auch, dass die Jugendlichen genau aus diesem Grund – weil es anonym ist – das Medium gewählt haben.

Über Onbera

  • Bei onbera.de melden sich deutlich mehr Mädchen als Jungen: 80 Prozent der Hilfesuchenden sind weiblich.
  • Circa 10 bis 15 Neuanmeldungen verzeichnet die Online-Beratungs-Plattform im Monat. Hinzu kommen die laufenden Beratungsprozesse.

Sie machen beides: persönliche Beratung und die anonyme Online-Beratung. Wie unterscheiden sich diese?

Bei der Online-Beratung muss man lernen, zwischen den Zeilen zu lesen: Was wird gesagt – und was wird weggelassen? Man hat niemanden vor sich sitzen, sieht weder  Mimik noch Gestik und kann nicht unterscheiden, ob jemand humorvoll oder ängstlich ist. Zudem muss man auch selbst die passenden Worte finden. Die Jugendlichen lesen sich so eine Mail zwei-, dreimal durch und schauen auf jeden Satz.

Online-Berater notiert sich etwas (Symbolbild).

(Symbolbild)

Das Thema Essstörung hat sich in Ihrer Arbeit als besonders relevant herauskristallisiert. Wie kommt das?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass besonders bei Mädchen und jungen Frauen häufig Essstörungen im Hintergrund einer Online-Beratung stehen. Sie melden sich in den wenigsten Fällen und sagen: Ich habe Bulimie. Sondern meistens schreiben sie zu anderen Themen: Selbstzweifel, Niedergeschlagenheit, selbstverletzendes Verhalten. Erst im Laufe der Beratung fallen Sätze wie „Ich stopfe Essen in mich hinein“ oder „Ich esse ganz wenig“. Wir haben uns daher entschlossen, uns ein Stück weit auf dieses Thema zu spezialisieren.

Was sind Essstörungen?

Bei Essstörungen werden drei Kategorien unterschieden: Bulimie (Fressattacken und gleichzeitig Gegenmaßnahmen, wie Abführmittel oder Erbrechen), Binge-Eating (Kontrollverlust, große Mengen an Essen werden zu sich genommen, was zu extremem Übergewicht führt) und Magersucht (Gewichtsabnahme und Untergewicht durch z.B. Diät, Abführmittel, exzessiven Sport).

Den Medien und dem Schönheitsideal, das diese transportieren, wird oft die Schuld an Magersucht & Co. gegeben. Können Sie das aus Ihrer Erfahrung heraus bestätigen?

Die Hintergründe für eine Essstörung sind sehr vielfältig. Es gibt natürlich gesellschaftliche Faktoren wie das von den Medien protegierte Schönheitsideal. Es gibt aber auch soziale und individuelle Faktoren. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten, die uns zu dem Thema schreiben, sehr verletzende Beziehungserfahrungen gemacht haben. Sie haben oft miterlebt, dass ihre Bedürfnisse keine Rolle spielen. Das hat zur Folge, dass sie sich nicht liebenswert fühlen. Im Grunde ist bei einer Essstörung die Seele zutiefst hungrig. Die Essstörung ist ein Versuch, die innere Not zu lindern.

Bei welchen Anzeichen sollten Eltern oder Freunde hellhörig werden?

Auch das ist unterschiedlich. Aber wenn sich ein Jugendlicher extrem zurückzieht, sich abschottet, kann das beispielsweise ein Alarmzeichen sein. Auch, wenn dieser sein Essverhalten deutlich ändert. Es ist aber wichtig, dass man nicht nur auf die Symptome starrt und versucht, denjenigen zum Essen zu bewegen, sondern dass man nachfragt: Was belastet dich? Es ist auch immer hilfreich, sich bei einer Fachstelle Rat zu holen.

Wie hilft Onlineberatung bei Essstörungen und Suizidgedanken? Zwei Beispiele aus der Praxis

Hinweis

Die folgenden zwei Beispiele handeln von Jugendlichen, die nach vorangegangener Onlineberatung Vertrauen gefasst und in die persönliche Beratung gekommen sind. Es ist aber durchaus keine Voraussetzung in die Beratungsstelle kommen zu müssen, sondern vielmehr eine wertvolle Option, die Kinder und Jugendlichen für sich nutzen können. Viele User bleiben bewusst bei der Onlineberatung und damit in der Anonymität.

Können Sie uns Praxisbeispiele nennen?

Ja. Maren (Name geändert, Anm. d. Red.) meldete sich anonym bei uns wegen selbstverletzendem Verhalten und Suizidgedanken. Sie ist 14 und litt damals sehr darunter, dass sich die alleinerziehende Mutter vom Partner getrennt und wenig Zeit für sie hatte. Auch in der Schule konnte sie keine richtigen Freunde finden. Wir haben dann überlegt, was könnte denn passieren, wenn sie mit ihrer Mutter darüber spricht und ihr vorschlägt, mit ihr gemeinsam zu einem persönlichen Gespräch in die Beratungsstelle zu kommen. Sie zögerte zunächst, doch dann hat sie sich doch ein Herz gefasst und es angesprochen.

Wie hat ihre Mutter darauf reagiert?

Glücklicherweise sehr gut. Sie war sogar erleichtert, weil sie wohl etwas geahnt hatte. Es war ein wichtiger Schlüssel, dass die Tochter sich getraut hat, mit ihrer Mutter zu uns zu kommen. Im Gespräch hat sie dann auch zum ersten Mal angesprochen, dass sie mit dem Essen Probleme hat.

Wie ging es weiter?

Maren kommt jetzt regelmäßig zur Beratung und die kleine Familie hat auch einiges verändert: Die Schulsozialarbeiterin weiß Bescheid. Maren geht in eine Sportgruppe, um dort Freunde zu finden. Und die Mutter verbringt mehr Zeit mit ihrer Tochter.

Mädchen sitz vor Computer am Tisch und schreibt. (Symbolbild)

(Symbolbild)

Welche ist die längste Beratung, die Sie bisher hatten?

Svenja* (Name geändert, Anm. d. Red.) hat sich vor gut 1 ½ Jahren online gemeldet, auch wegen selbstverletzendem Verhalten. Sie ist 17, lebt bei Mutter und Stiefvater, gemeinsam mit ihrem Bruder. Sie hatte starke Suizidgedanken. Sie schrieb, dass sie den Wunsch hat, nicht mehr da zu sein, niemanden mit ihrer Existenz belasten zu wollen. Und schilderte auch, dass sie in Stresssituationen viel isst und ihr Gewicht durch Abführmittel reguliert. Dass sie sich mehrmals täglich wiegt. Nach etwa einem halben Jahr Kontakt per E-Mail ist sie dann darauf eingegangen, zu einem persönlichen Gespräch zu kommen.

Ihre Todeswünsche wurden trotzdem immer größer?

Sie war drei Monate in der persönlichen Beratung. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich sagen musste: Es geht so nicht weiter, es geht wirklich um Leben und Tod. Mit ihrer Zustimmung haben wir dann auch ihre Mutter eingeschaltet, die mit zum Gespräch kam – und die war total platt, als sie erfuhr, dass ihre Tochter so stark suizidgefährdet ist. Sie stimmte zu, dass wir Svenja einen Termin bei der Kinder- und Jugendpsychiaterin vermitteln. Diese unterstrich die Notwendigkeit einer stationären Therapie. Drei Monate war Svenja in der Klinik, wegen Essstörung und Depression.

Wie geht es ihr heute?
Mittlerweile ist sie wieder zu Hause. Sie kämpft zwar noch immer mit der Essstörung, doch sie kann nun besser damit umgehen. Die Suizidgedanken sind verschwunden, sie hat neuen Lebensmut gefunden. Sie hat ein Stück Hoffnung bekommen, dass es besser wird.

„Am Leben zu sein ist anstrengend, aber doch ganz gut“

In einer ihrer vergangenen Mails beschreibt Svenja, wie sie sich fühlt und wie sie mit ihrer Essstörung und ihrer Depression heute umgeht. Mit ihrer Zustimmung dürfen wir an dieser Stelle einen Auszug daraus veröffentlichen:

… Mein nächster Geburtstag rückt näher und ich bin immer wieder erstaunt doch da angelangt zu sein. Und nicht verschwunden zu sein, so wie es geplant war. Am Leben zu sein ist zwar anstrengend, aber doch ganz gut.

Ich muss zwar ehrlich sagen, dass mir gerade die Essstörung fehlt. Sie war doch immer ein fester und sicherer Anker, an dem ich mich halten konnte. Etwas woran ich immer gearbeitet habe. Obwohl ich mich immer so leer gefühlt habe, hat sie mich auch irgendwie ausgefüllt und beschäftigt.  Eigentlich ist es jetzt eher ein Frühwarnsystem. Ich weiß, ok jetzt ist gerade etwas, das nicht nach Plan läuft, wenn sie zurück zu mir stolpern möchte.

Sich damit dann wirklich auseinander zu setzen, ist dann die eine Sache. Aber ich überstehe es zumindest jedes Mal und das ist gut. Es ist wie mit alten Freunden, die einem nicht guttun, weil man Dinge tut, die einem nicht guttun. Es hatte zwar alles seinen Sinn und man hatte auch irgendwie gute Zeiten, aber miteinander funktioniert alles eben irgendwie nicht.

Und es werden mehr Momente in denen ich so darüber denken kann. Ich hoffe irgendwann wird es überwiegen …

 

Info

  • Über www.onbera.de können Kinder- und Jugendliche ihre Probleme, Ängste und Sorgen anonym mitteilen. Die Online-Beratung ist kostenfrei und zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich. Karl König und seine Kollegin Sandra Ring beantworten Erstanfragen innerhalb von 48 Stunden (werktags).
  • Die Online-Beratungsstelle gibt es seit Ende 2009, ergänzend zu den Face-to-Face-Angeboten der Psychologischen Beratungsstelle Filder (Familien-, Paar-, Jugend- oder Lebensberatung). Sie richtet sich hauptsächlich an Menschen im Landkreis Esslingen, die, wie Maren und Svenja, ggf. auch persönlich zur Beratung kommen können. Finanziert wird sie durch Spendenmittel.
  • Uns ist es wichtig, dass Kinder- und Jugendliche ihre Sorgen mitteilen können – und professionelle Hilfe erhalten. Deshalb freuen wir uns, dass wir die Online-Beratung der Psychologischen Beratungsstelle Filder unter der Trägerschaft des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen mit 74.837 Euro unterstützen konnten!
  • Eine bundesweite Plattform, an die sich Jugendliche wenden können ist z.B.: https://jugend.bke-beratung.de/views/home/index.html
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1 Kommentar

Maulhardt.Wilma (92 Jahre) – 13.06.2018, 10:41 Uhr

Ich Pflege meinen behinderten Sohn 100 % schon 55 Jahre dieses wäre für uns eine Freude wenn der Behinderte und ich einmal die Gelegenheit bekämen auf irgend einer Weise uns entspannen zu können!

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