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„Die Hilfsbereitschaft ist in der Krise aufgeflammt!“

Helmut Scholtz ist Quartiesmanager bei der Arbeiterwohlfahrt Bezirk Westfälisches Westfalen e.V. Im Interview erzählt er, wie sich das „Paulusviertel“ in Recklinghausen in Zeiten der Corona-Krise aufstellt und wie das Nachbarschaftsprojekt den Menschen ein wenig Freude in den eintönigen Alltag bringt.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie ist euer Projekt von der Corona-Pandemie betroffen?

Helmut Scholtz: Meine Aufgabe als Quartiersmanager hier im Stadtteil ist es, zu versuchen, dass die Menschen, die älter werden, so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden verbleiben können. Dazu müssen Bedingungen geschaffen werden, wie Dienstleistung und räumliche Ausstattung. Und was vor allen Dingen ganz wichtig ist, dass das nachbarschaftliche Miteinander wieder mehr belebt wird, damit die Menschen sich auch untereinander unterstützen können.
Wir haben sehr viele Projekte gemacht, die mit Zusammenkünften und Miteinander zu tun gehabt haben. Informationsveranstaltungen, Gruppentreffen und so weiter. Diese Veranstaltungen sind jetzt erst mal alle auf Eis gelegt, sodass wir jetzt nach kreativen neuen Lösungen suchen müssen, und auch ein paar gefunden haben, um die Menschen zusammenzuhalten.

Deutsche Fernsehlotterie: Vor welchen Herausforderungen steht ihr aktuell?

Helmut Scholtz: Was vor allen Dingen die Problematik ist, ist die soziale Deprivation der Menschen. Gerade alleinstehende, ältere Menschen sind viel zu Hause eingesperrt. Oder wenn ich an die Menschen in stationären Einrichtungen denke. Es ist gut und wichtig zu versuchen, mit ihnen Kontakt zu halten – zum Beispiel über telefonische Besuchsdienste oder Balkonkonzerte oder Gottesdienste, die wir von der Straße aus anbieten können.

Deutsche Fernsehlotterie: (Wie) könnt ihr auf die aktuelle Situation reagieren?

Helmut Scholtz: Wir haben vor Ausbruch der Corona-Krise einen Technik-Stammtisch für ältere Menschen ins Leben gerufen, damit die sich den Umgang mit Tablets und Smartphones erobern können. Wir sind gerade im Gespräch mit einer Dozentin von der Fachhochschule, wie wir diese Angebote vielleicht auch virtuell umsetzen können. Die müssen dann allerdings auch von dem Klientel, das wir ansprechen wollen, beherrschbar sein. Das ist zumindest schon mal eine Idee, wie man den Leuten solche Inhalte weiterhin näherbringen kann.

Deutsche Fernsehlotterie: Manchmal gehen Sie auch ganz neue Wege, mit Balkonkonzerten zum Beispiel.

Helmut Scholtz: Ja, das haben wir jetzt schon zweimal gemacht, dass wir mit einem Ehepaar, das gemeinsam Musik macht, zu den Menschen gehen hier im Stadtteil,  kleine Balkon- und Fensterkonzerte organisieren. Immer so eine Halbe-, Dreiviertelstunde, um den Menschen etwas Freude in den etwas eintönigen Alltag zu bringen.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie kann man euch derzeit am besten unterstützen?

Helmut Scholtz: Wir haben tatsächlich im Moment wesentlich mehr Leute, die mithelfen wollen, als Abnehmer – wie zum Beispiel für Einkaufsdienste. Ganz wichtig ist, dass sich die Menschen melden, damit wir ihnen sinnvolle Tätigkeiten vermitteln können, sodass sie weder sich noch andere in Gefahr bringen. Ganz wichtig ist, die Regeln, die aufgestellt sind, auch wirklich einzuhalten und das mit allen Leuten einzuüben. Und dann hinzuschauen, wo sind wirklich Hilfebedarfe und wie kann ich da unterstützen.

Wir versuchen hier ein Netzwerkknoten zu sein, wir vermitteln an andere ehrenamtliche Vereine und Organisationen, die unterschiedliche Schwerpunkte haben. Wir vermitteln Möglichkeiten zum Beispiel auch Masken zu nähen. Viele ältere und auch viele bedürftige Menschen haben Probleme, an eine genügende Anzahl an Masken zu kommen, sodass wir versuchen, da Abhilfe zu schaffen. Also Möglichkeiten gibt es, gut wäre, wenn die Leute sich tatsächlich bei uns oder dem Kinderschutzbund oder anderen Organisationen melden, damit wir das organisieren können.

Deutsche Fernsehlotterie: Was liegt euch in Sachen Corona-Krise noch auf dem Herzen?

Helmut Scholtz: Die Hilfsbereitschaft ist in dieser Krise aufgeflammt, das hat mich besonders positiv überrascht. Ich merke auch sehr deutlich, dass die Menschen die Zusammenkünfte, das soziale Miteinander, tatsächlich vermissen. Ich hoffe, dass diese Wertschätzung auch nach der Krise uns weitertragen wird, dass den Leuten bewusst ist, wie schön das ist, einfach mal auf der Straße quatschen zu können oder sich gemeinsam auf ein Bier in den Biergarten zu setzen.

Das Quartiersprojekt Paulusviertel in Recklinghausen organisiert Nachbarschaftsfeste, Bürgerdialoge, Freizeitangebote (wie etwa Spaziergängergruppen) und intergenerative Projekte, es kümmert sich außerdem um Maßnahmen zur Förderung der generationsgerechten räumlichen Infrastruktur (z.B. Sitzbänke). Auch durch  Aktivierung von ehrenamtlichem Engagement fördert es den Zusammenhalt und das Miteinander im Viertel.

Wir unterstützen die Arbeit von Quartiersmanager Helmut Scholtz mit über 70.000 Euro.

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