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Die eigene Stadt neu erobern, selbstbestimmt und mit Demenz!

Die Menschen werden nicht nur älter als früher – sie werden auch anders älter. Rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland sind an Demenz erkrankt, die Tendenz ist steigend. Ihnen den Zugang zur Gesellschaft und zu einem solidarischen Miteinander barrierefrei und sensibel zu gestalten, ist eine Aufgabe, der sich Deutschland stellen muss. Wie das im Kleinen aussehen kann, zeigt der Krefelder Stadtteil Fischeln: Dort gibt es für Betroffene – und alle anderen – ganz spezielle „Verkehrsschilder“.

Demenz ist eine der häufigsten Krankheiten im Alter. Zwei Drittel der Erkrankten in Deutschland werden von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt und betreut. Ganz gleich, wie und wo die Erkrankten leben, sie dürfen als Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht vergessen werden – auch, wenn sie selbst vergesslich geworden sind. Das Projekt „Leben mit Demenz in Fischlen“ beschäftigt sich daher vor allem mit den Fragen: Wie kann die Kommune Angehörige besser unterstützen? Welche Angebote können weiterhin die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen? Und welche Maßnahmen zur besseren Orientierung bieten sich in der Infrastruktur an?

Eine Stadt, in der sich alle zurechtfinden

„Es hat lange gedauert, anzukommen“, sagt Manuela Hansmann, die das Projekt betreut. „Zwar konnten wir sehr schnell einen tollen Arbeitskreis mit den Kirchengemeinden, dem Seniorenrat und dem Bürgerverein bilden. Doch die Menschen vor Ort zu erreichen, sie mit ins Boot zu holen – das war zäh.“ Die engagierte Quartiersmanagerin blieb hartnäckig, veranstaltete regelmäßig Events für Menschen mit und ohne Demenz, zum Beispiel Theateraufführungen oder Kinoabende. „Inzwischen kommen immer mehr Menschen zu mir, die sich beraten lassen und sich Hilfe holen.“ Auch der Einzelhandel im Stadtteil zieht mit: „Banken, Apotheken, einige Supermärkte haben an unseren Schulungen teilgenommen“, so Hansmann. Und auch die Vereine im Ort engagieren sich – anders, als ursprünglich geplant: „Wir wollten auch dort schulen, doch sie sagten uns, dass sie das nicht brauchen, da es keine Betroffenen im Verein gebe. Stattdessen haben wir nun Kooperationen, sodass die Vereine bei uns Kurse anbieten, an denen auch Menschen mit Demenz teilnehmen können.“

Das Seniorenheim im Krefelder Stadtteil Fischeln, gezeichnet von Rosi Teschemacher.

Beratung für Angehörige, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – mit viel Hartnäckigkeit ist Hansmann diese Punkte angegangen. Nun widmet sie sich der Frage nach einer demenzsensiblen Infrastruktur: Das Projekt „Demenzwegweiser“ ist in dieser Form bisher einzigartig in Deutschland. Über neu installierte „Verkehrsschilder“ sollen sich Menschen mit Demenz nun besser in ihrem Stadtteil orientieren können.

Frau Hansmann, wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Manuela Hansmann: Wir haben Spaziergänge durch Fischeln initiiert, zu verschiedenen Themen. Eines davon war das Thema Demenz. Gemeinsam mit einem Experten und interessierten Mitbürgerinnen und Mitbürgern liefen wir durch unseren Stadtteil und haben die Augen aufgemacht: Was fehlt? Uns fiel auf, dass sich Menschen mit Demenz, die oft Orientierungsprobleme haben, besser zurechtfinden würden, wenn es Schilder geben würde, die ihnen den Weg weisen.

Wieso können diese Schilder den betroffenen Menschen besser helfen, als normale, schon vorhandene Hinweisschilder?

Manuela Hansmann: Bei Erkrankten wird das Langzeitgedächtnis angesprochen. Sie erinnern sich vor allem an Dinge, die sie schon von früher kennen. Die Menschen hier wohnen meist schon ihr ganzes Leben in Fischeln. Deshalb haben wir bekannte Gebäude aus dem Stadtteil genommen, bei denen der Erinnerungswert sehr groß ist – zum Beispiel unser altes Rathaus, das aus dem 18. Jahrhundert stammt. Das kennen die Menschen eben. Und sie wissen dann, wo sie sind und wo sie hin müssen.

Das Rathaus im Krefelder Stadtteil Fischeln, gezeichnet von Rudolf Menk.
Die Clemenskirche im Krefelder Stadtteil Fischeln, gezeichnet von Sigrid Delmes.

Gab es andere Städte, an denen Sie sich orientieren konnten? Die diese Idee schon umgesetzt haben?

Manuela Hansmann: Ich habe wirklich überall geguckt, aber dazu nichts gefunden. Es gibt natürlich Broschüren vom Demenz-Servicezentrum über generationengerechte, demenzsensible Städte. Aber dass etwas in dieser Form schon umgesetzt ist, etwas an einer bestehenden Infrastruktur geändert wurde, ist mir nicht bekannt.

Haben Sie vor, über die drei Gebäude hinaus, weitere Orientierungshilfen aufzustellen?

Manuela Hansmann: Das ist erst mal der Startversuch. Aber ich bin sehr überrascht, wie toll diese Idee bereits aufgenommen wurde – und zwar von allen Seiten. Viele, die mit dem Thema gar nichts zu tun haben, kommen auf mich zu und sagen: Das ist aber eine tolle Idee! Die Schilder sind noch nicht einmal fertig, doch die Resonanz, die es jetzt schon gibt, ist überwältigend. Wir wollten ein Zeichen setzen, für Betroffene, dass wir da sind. Dass wir an sie denken. Und auch die nicht Betroffenen für das Thema sensibilisieren.

Die Gebäude, die auf den Blechschildern zu sehen sein werden, wurden von Menschen vor Ort gezeichnet: „Wir haben das Projekt mit einem Aktionstag gestartet und dafür auch die Menschen aus unserem Malkreis gefragt, ob sie nicht Lust hätten, etwas beizutragen“, erzählt Hansmann. „Wir haben alle gemeinsam ein tolles Projekt geschaffen, das ist wirklich schön.“

Ende September werden die Schilder in Fischlen aufgestellt, als erste „Straßenschilder für Menschen mit Demenz“ – und auch alle anderen. Nachmachen? Strengstens erwünscht!

Hilfe zur Selbsthilfe

Autor

Katharina Hofmann

Fotograf

Die Bilder wurden gezeichnet von: Rosi Teschemacher, Rudolf Menk, Sigrid Delmes

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