Corona: „Ein solidarisches Miteinander ist existenziell“

Christian Kipper, Geschäftsführer der Deutschen Fernsehlotterie und der Stiftung Deutsches Hilfswerk, im Interview über die Auswirkungen des Coronavirus, kreatives Engagement und die spürbar wachsende Solidarität in unserer Gesellschaft.

Christian Kipper

Herr Kipper, das öffentliche Leben hat sich durch das Coronavirus komplett verändert. Was bedeutet das für Menschen, die ohnehin schon auf Hilfe angewiesen sind?

Die Auswirkungen des Coronavirus stellen uns alle vor große Herausforderungen. Schwierige Zeiten treffen jedoch diejenigen, die auf Hilfe angewiesen sind, meist besonders hart. Für viele Menschen verschlimmert sich die Situation, weil herkömmliche Hilfs- und Versorgungsangebote vielerorts wegbrechen. Darüber hinaus führt Social Distancing zu einer stärkeren Vereinsamung, zu befürchten ist zudem ein Anstieg häuslicher Gewalt. Wenn zur Eindämmung des Virus Treffpunkte schließen, Beratungsstellen pausieren, Pflegeeinrichtungen Besuchsmöglichkeiten einschränken, müssen wir uns fragen, wie wir auf andere Art und Weise wirkungsvoll helfen und eine andere Form des Miteinanders schaffen können.

Viele der von der Deutschen Fernsehlotterie über die Stiftung Deutsches Hilfswerk geförderten Projekte richten sich an Menschen, die durch die Ausbreitung des Virus besonders gefährdet sind und zu sogenannten Risikogruppen zählen. Inwieweit wird diesen Menschen auch weiterhin geholfen?

Viele unserer Partner versuchen die von uns geförderten Projekte soweit wie möglich an die aktuelle Situation anzupassen und setzen nun verstärkt auf digitale Wege oder andere Vernetzung im Sozialraum. Wir unterstützen diese Flexibilität ausdrücklich, denn die Projektarbeit sollte unbedingt weiterlaufen, soweit es die Umstände erlauben. Wenn sich Projekte bei uns melden, die ihre angestrebten Ziele aufgrund der aktuellen Situation auch auf anderen Wegen nicht mehr erreichen können, suchen wir nach individuellen Lösungen. Für die von uns geförderten Projekte sollte klar sein: Nichtstun ist keine Option. Insbesondere nachbarschaftliche Hilfe ist immer möglich. Jedes vierte von uns geförderte Projekt zählt zum Förderschwerpunkt Quartiersentwicklung und verfolgt das Ziel, den Zusammenhalt in Nachbarschaften zu stärken. Insofern ist Quartiersarbeit momentan wichtiger denn je. Unser besonderer Dank gilt all jenen, die sich auch unter widrigen Umständen für andere engagieren, indem sie auf pragmatische und kreative Weise Lösungen schaffen, Hilfesuchende mit Helfenden zusammenbringen, Versorgungsketten organisieren oder Betroffenen telefonisch zur Seite stehen.

Die Deutsche Fernsehlotterie hat die Aufgabe, das solidarische Miteinander in Deutschland zu stärken. Welche Rolle spielt Solidarität in der aktuellen Situation?

Gerade jetzt können wir beweisen, dass wir eine starke und solidarische Gesellschaft sind. Die vielen großartigen Initiativen in unserem Land, die sich spontan gebildet haben, sind Ausdruck dafür. Jeder und jede von uns kann einen Teil zu dieser Solidarität beitragen und in der Nachbarschaft Menschen, die sich in diesen Zeiten über Unterstützung freuen würden, aktiv Hilfe anbieten, zum Beispiel beim Einkauf, beim Hunde-Spaziergang oder der Kinderbetreuung. Auch Menschen, die einer Risikogruppe angehören, sollten sich nicht scheuen, Nachbarinnen und Nachbarn um Hilfe zu bitten. Ein solidarisches Miteinander ist existenziell – nicht nur jetzt, sondern auch nach einem hoffentlich schnellen Ende der Coronakrise.